Dürrenmatt: Die Geschichte seiner Stoffe

Vorbemerkungen

Dürrenmatt, der leidenschaftliche Zeichner (CDN)

Lange Zeit wußte Dürrenmatt nicht genau, welche Ausdrucksform er zu seinem Beruf machen sollte; seine nachhaltige Entscheidung fiel zugunsten der Sprache aus. Der Entschluß begründet sich wohl auf Dürrenmatts Einsicht, daß Malerei und Zeichnungen nicht die Medien waren, um das, was aus ihm herauswollte, auszudrücken. Genauer: Nicht die einzigen und nicht die, die ihm selbst am gerechtesten waren. Das Schreiben war für ihn die bessere Form.
Dennoch ließ er seine Begabung für das Bildnerische nicht verkümmern und degradierte sie nicht zu einer bloßen Freizeitbeschäftigung. Er integrierte sie in sein schriftstellerisches Schaffen, was schon dadurch erkennbar wurde, daß auf seinem Schreibtisch immer auch Tusche, Federn, Pinsel und Zeichenstifte präsent waren: „Auf meinem Schreibtisch liegt neben meinem Manuskript ein weißer Karton, lange unberührt; flüchtig gleitet einmal der Stift darüber, schnell ist etwa im Vordergrund eine Stadt skizziert.

[…] Plötzlich erfaßt mich die Leidenschaft, es ist, als erschaffe sich aus diesem Nichts, aus der weißen Leere des Kartons, von selbst eine Welt.

In seinem Leben schuf Dürrenmatt nicht nur ein beträchtliches schriftstellerisches Werk, sondern auch Hunderte von Federzeichnungen, Ölbildern und Gouachen. Dieses „Sich-Ausdrücken in Wort und Bild“ läßt sich nicht einfach mit dem Begriff Doppelbegabung abdecken, auch wenn dieser Eindruck angesichts des umfangreichen Werkes Dürrenmatts entstehen könnte. Denn in seinem Fall steht nicht das mit Doppelbegabungen verbundene Schwanken zwischen zwei Ausdrucksformen im Vordergrund. Bei Dürrenmatt ist die Tatsache bestimmend, daß sein ganzes Schaffen immer von einer bildhaften Vorstellung ausging:

Die Formgebung dieser am Anfang des schöpferischen Prozesses stehenden Vision war von sekundärer Bedeutung.

Wie bewußt auch Dürrenmatt selbst dieser Prozeß war, wird in dem Text „Persönliche Anmerkungen zu meinen Bildern und Zeichnungen“ deutlich, den er anläßlich der Ausstellung seiner Werke in der Galerie Daniel Keel im Jahr 1978 geschrieben hat.

(…)

Ausgehend von dieser Feststellung, daß am Anfang jeden Werks, das Dürrenmatt geschaffen hat, etwas Bildhaftes stand, ist es für die Analyse seines bildnerischen und schriftstellerischen Schaffens wichtig, sich diese Grundlage genauer anzusehen: Was waren es für „Bilder“, die Dürrenmatt veranlaßten zu schreiben oder zu zeichnen“ Was meint er genau, wenn er von einem „Bild“ spricht“

Grundbegriffe

Daß sich diese Frage sehr gut beantworten läßt, liegt an der Tatsache, daß Dürrenmatt selbst eine detaillierte Niederschrift dessen verfaßt hat, was ihn geprägt hat und zu seinem Bildbegriff führte: Die bereits erwähnten „Stoffe“ , die Dürrenmatt 1969 begann und an denen er bis zu seinem Tod weiterschrieb, enthalten Angaben über alles, was er selbst für sich als prägend betrachtete, das zu seinen „Bildern“ führte.

Der Begriff des „Bildes“ steht immer in direkter Verbindung zu den „Stoffen“, da sich diese aus dem Bildhaften entwickeln: „Sie sind der Sprache nicht gewachsen, außerhalb von ihr angesiedelt, im Vorsprachlichen, im Bildhaften, im Visionären.“ Die Bilder, die am Anfang einer schriftstellerischen Arbeit standen, ergeben also „Stoffe“, die eine zentrale Bedeutung in Dürrenmatts Schaffen einnehmen.
So nennt er seine Biographie nicht die Geschichte seines Lebens, sondern die „Geschichte seiner Stoffe.“

Im folgenden möchte ich nun die Verbindung von „Stoff“ und „Bild“ näher untersuchen, außerdem werde ich den „Stoff“-Begriff analysieren. Wenn man weiß, welche Auswirkungen die „Stoffe“ auf Dürrenmatt hatten, ist die Verbindung zwischen seinem literarischen und zeichnerischen Schaffen verständlich. Denn der „Stoff“, der aus dem Bildhaften kommt, drängte sich Dürrenmatt auf, so daß er, wie oben erwähnt, versucht war, seinen bildhaften Visionen eine Form zu geben, wobei das Ausdrucksmittel zunächst nicht wichtig war.

Stoff und Bild

Die Welt der Atlasse (Ausschnitt, 1965 – 1978) (Ausschnitt, fotografiert im CDN)

Seine umfangreiche Stoffgeschichte begann Dürrenmatt 1969. Zu Beginn des „Winterkriegs in Tibet“ machte er grundlegende Aussagen über den Begriff des Stoffs:

Die Stoffe sind Resultate meines Denkens, die Spiegel, in denen je nach ihrem Schliff, mein Denken und mein Leben reflektiert werden.

Die Darstellung seiner Stoffe hat für Dürrenmatt einen wichtigen Grund. Indem er seine Stoffe skizziert, untersucht er die Entwicklung seines Denkens und entdeckt Dinge, die ihn geprägt haben. Dürrenmatt kommt zu dem Schluß, daß alles schreiben ein Umsetzen von Erlebtem und Leben ist:

(…)

Die „Grundideen, die bleiben“ sind eine gute Umschreibung für das, was Dürrenmatt „Bild“ nennt. Aus diesen Grundideen, aus seinen Erfahrungen resultieren dann die Stoffe, seine Gedanken:

Nicht meine Gedanken erzwingen meine Bilder, meine Bilder erzwingen meine Gedanken.

Die Auslöser für sein schriftstellerisches Schaffen, die Dürrenmatt hier nennt, sind also einer komplizierten Chronologie unterworfen: Seine bildhaften Vorstellungen ergeben seine Gedanken, aus diesen wiederum entstehen seine Stoffe.

(…)

Der Umgang mit seinen Stoffen fiel Dürrenmatt nicht leicht. Denn jeder Stoff, der noch in seinem Gedächtnis ruhte, belastete ihn:

Es ist bloß gedacht, nur Phantasie oder etwas Angefangenes, dann auf die Seite Geschobenes, immer noch Mögliches, darum auch quälend. […] In dem ich diese unfertigen Stoffe […] zu rekonstruieren unternehme, versuche ich, sie zu vergessen, mich zu befreien, einen Ballast abzuwerfen, der mit den Jahren immer größer wird.

(…) Versuchte Dürrenmatt dieses in seiner Jugend durch bloßes Zeichnen, gelang ihm eine endgültige Befreiung von seiner „allzugroßen Phantasie“ durch die Hinwendung zum Schreiben. In einem Gespräch mit Arnim Arnold erklärt Dürrenmatt : „Ich wollte die Bilder weghaben. Und die Bilder gingen nicht weg, sie kamen immer wieder, und so kam ich eigentlich zum Schreiben.“ Wenn Dürrenmatt hier von „Befreiung“ spricht, heißt dies nicht, daß ihm durch das Schreiben der Umgang mit seinen Stoffen nun auch leicht gefallen wäre.

(…)

Turmbau I (um 1952) (SLA)

In diesem Zusammenhang bekommen die Bilder und Zeichnungen Dürrenmatts einen besonderen Stellenwert, da diese im engen Zusammenhang mit seinem „Kampf“ mit den Stoffen stehen. So erklärte Dürrenmatt selbst über seine Bilder:

„Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen.“

Die Zeichnungen waren also eine Art Hilfsmittel, gewisse Fragestellungen umzusetzten, wobei die spätere Analyse der Bilder deutlich macht, daß die Zeichnungen zu den unterschiedlichsten Zeiten und unter den unterschiedlichsten Voraussetzungen entstanden.
So gibt es Zeichnungen, die vor einem literarischen Stück gemalt wurden, Arbeiten, die Dürrenmatt während des Schreibens anfertigte und auch viele Zeichnungen, die nach der Niederschrift eines literarischen Textes entstanden.
Wie eng die Beziehung zwischen schriftstellerischem und zeichnerischem Werk ist, belegt auch eine weitere Tatsache. Betrachtet man die Bilder Dürrenmatts, fällt auf, daß er keine „verträumten Waldlandschaften“ oder Stilleben zeichnete, in seinen Bildern passiert etwas. Oft findet sich in den Zeichnungen eine Handlung: In den Minotaurus-Bildern sieht man diesen beispielsweise im Labyrinth herumirren. Andere Arbeiten zeigen Atlas, schwer an der Last der Weltkugel tragend. Dürrenmatt selbst erklärte diesen Umstand:

Malerei als eine Kunst, ,schöne Bilder’ zu machen, interessiert mich nicht, ebenso wenig mich die Kunst, ,schönes Theater’ zu machen, nicht interessiert.

Geographie der Kindheit (um 1960) (CDN)

Dürrenmatts Ansatz war also nicht kompositionell, sondern dramaturgisch. Ihm ging es um die Ausformung seiner Ideen, seiner Stoffe. So nennt er sich selbst einen „dramaturgischen Zeichner“ , der sich nicht um die Schönheit eines Bildes kümmert. Wenn er zeichnete, ging er mit einer bestimmten Fragestellung an das Bild heran.
Was sind aber Inhalt und Ursprung der Bilder, die sich ihm in den Stoffen aufdrängten“ Dürrenmatt selbst sagte:

Wer schreibt, handelt, setzt Erlebtes und Leben um.

Was Dürrenmatt erlebte, was ihn zur Umsetzung in literarische Stücke bewegte, soll im Folgenden kurz skizziert werden.

Prägende Eindrücke

Betrachtet man das schriftstellerische Werk Dürrenmatts, so finden sich die Ballade „Minotaurus,“ die Kurzgeschichte „Das Bild des Sisyphos“, zahlreiche Kreuzigungen in „Es steht geschrieben“ und Weltraumphantasien in „Die Physiker“, um nur einige Beispiele zu nennen.
Wie schon in der Einleitung erwähnt, treten diese Motive auch in seinen Zeichnungen häufig auf: Kreuzigungen, antike Sagengestalten (Minotaurus, Sisyphus und Prometheus), Sonnensysteme, Milchstraßen, Planeten, das Weltall. Dürrenmatt zeichnete Päpste, Engel und den Turmbau zu Babel.
Sind dies also die Motive, die sich Dürrenmatt als „Bilder“ eingeprägt hatten“ Sind antike Mythen, die christliche Welt und astronomische Zusammenhänge, mit den damit verbundenen Fragestellungen, die Stoffe, die Dürrenmatt beschäftigten“
In den „Stoffen“ erzählt Dürrenmatt ausführlich über seine Erlebnisse in Kindheit und Jugend. Er weist das hier Erlebte als prägend für sein weiteres Schaffen aus:

Den Einfluß von Literatur auf Literatur streite ich nicht ab. […] Doch noch entscheidender sind die Eindrücke, die durch die ,vorliterarischen Eindrücke’ zur Literatur werden. Die Kornfelder und die Gänge im Tenn der Bauernhäuser wurden mir durch die Sage vom Minotaurus, die mir mein Vater erzählte, zum Labyrinth.

Wie bereits in der Biographie angeführt, wuchs Friedrich Dürrenmatt in dem kleinen Dorf Konolfingen in den Schweizer Bergen auf. Mit seiner Kindheit dort verbindet Dürrenmatt sehr viele Erinnerungen. Er hat noch immer die „Geographie“ des Dorfes vor Augen:

Der Thunstraße entlang siedelten sich der Drucker, der Textilhändler, der Metzger, der Bäcker und die Schule an […].

Er erinnerte sich auch genau an die damaligen Bewohner wie den Jodlerkönig Schmalz, den Lehrer Gribi oder den „Welschschweizer Zahnarzt“. Schon damals war Dürrenmatt diese Welt des Dorfes zuviel:

Schon die Dorfpolitik war zu abstrakt, noch abstrakter die Politik des Landes, […] zu unbestimmt, zu bildlos alles; aber die Vergangenheit war faßbar.

(…)
Dürrenmatt mischt in der Zeichnung die dörfliche Geographie mit literarischen Motiven und persönlichen Erlebnissen. Auch vergißt er nicht, für ihn wichtige Menschen einzuzeichnen, so den Kunstmaler, der ihm das Zeichnen beibrachte oder den bereits erwähnten Lehrer Gribi. Es ist offensichtlich, daß in seiner Kindheit, die er in der gezeichneten „Geographie“ anschaulich darstellt, zahlreiche Eindrücke entstanden, die sich in seiner Phantasie niederschlugen. Aus dieser Phantasie entwickeln sich dann die Bilder, die sich ihm in den Stoffen offenbaren und die dann ausgeformt werden wollen.

Ein einschneidendes und daher sehr prägendes Erlebnis für Dürrenmatt war der Umzug seiner Familie von Konolfingen nach Bern. Dürrenmatt fühlte sich in der Stadt nicht wohl, der Eindruck des „zu Abstrakten“, den er schon im Dorf erlebt und durch die Geschichten seiner Eltern kompensiert hatte, verstärkte sich:

Aus dem Übersichtlichen […] verirrte ich mich ins Unübersichtliche, aus dem es keinen Weg nach außen mehr gab.

Hier festigt sich ein weiterer Grundeindruck Dürrenmatts, den er selbst mit einem „Labyrinth“ verglich:

Das Labyrinth wurde Wirklichkeit. Labyrinthisch waren schon die ersten Eindrücke gewesen: die langen Gänge des evangelischen Lehrerseminars […], die erleuchteten geheimnisvollen Gassen […], Erinnerungen, mich in unterirdischen Räumen und Gängen zu bewegen, die sich später bestätigten.

Diese Eindrücke verarbeitete Dürrenmatt nicht nur in seiner Minotaurus-Ballade, wo er dem Labyrinth große Aufmerksamkeit schenkt. Auch in der Erzählung „Die Stadt“ und „Die Falle“ sind die labyrinthischen Erinnerungen umgesetzt.

Zusammenfassung

Was in dieser Skizzierung dessen, was Dürrenmatt zum Schreiben und Malen bewegt hat, deutlich geworden sein dürfte, ist, daß seinem Schaffen äußerst komplexe Gedankengänge zugrunde liegen. Seine Stoffe, die er formulieren wollte, basieren auf zahlreichen Erinnerungen und Eindrücken, die in seiner Kindheit begannen, durch die Erfahrung der Stadt und des Krieges geprägt wurden. Auch seine damit verbundenen Absicht, eine „Welt“ zu erschaffen, ist kompliziert, da er dies selbst zum einen als unmöglich ausweist, aber dennoch eine Chance darin sieht, den Menschen durch Phantasie weiterzubringen.
In diesem Zusammenhang soll nun die Einbindung der bildnerischen Werke in das literarische Schaffen analysiert werden.

Leave a Comment.