Pilatus, Minotaurus und das Weltall – eine Übersicht

Einleitung

 

Weltraumpsalm (1973)

Analyse: Die Beziehung zwischen Bildern und Texten in verschiedenen Motiven
In diesem Teil möchte ich die Verbindung von schriftstellerischer und zeichnerischer Arbeit analysieren. Ausgehen werde ich dabei von den genannten biographischen Momenten, die ein bestimmtes Motiv für Dürrenmatt zu einem Stoff machten. Dieses werde ich auf die literarischen Werke beziehen und diesen Stücken die jeweiligen Zeichnungen gegenüberstellen.
Außerdem werde ich darstellen, was Dürrenmatt veranlaßte, gewisse Gedankengänge auch zeichnerisch weiterzuentwickeln.
Da Dürrenmatt von bildhaften Vorstellungen ausging, die sich ihm dann in den Stoffen aufdrängten, sollen außerdem Zeichnungen vorgestellt werden, die vor einem literarischen Werk stehen, sich später aber in einem solchen niederschlugen.
Aber auch die Parallelität der beiden Schaffensbereiche soll erkennbar werden, ich möchte verdeutlichen, daß es Stoffe gab, die Dürrenmatt so beschäftigten, daß er deren Inhalte sowohl niederschrieb als auch häufig zeichnete.

Die Vorstellungen der Stoffe ist nach Themen geordnet, die in seinem dichterischen wie in seinem bildnerischen Werk seit den Anfängen immer wiederkehrten und das geistige Erscheinungsbild dieses Autors entscheidend geprägt haben. Eine chronologische Einteilung war nicht möglich, da die meisten Stoffe Dürrenmatts in seiner Kindheit begründet und dann das ganze Leben lang immer wieder weiter bearbeitet wurden.

Das Weltall

Übersicht

Literarische Erscheinungsformen
Die Physiker, Komödie, 1961
Die Panne, Komödie, 1979

Zeichnerische Erscheinungsform
Die Physiker II: Weltraum-Psalm, 1973

Einleitung

Durch einen Lehrer wurde Dürrenmatts Liebe zur Astronomie geweckt. Er beschäftigte sich, wie bereits erwähnt, ausführlich mit Planeten, zeichnete die Konstellationen von Sternen und lernte ihre Namen. Schon als Kind lösten die Erzählungen seiner Mutter, die biblischen Inhalts waren, bei ihm Weltraum-Phantasien aus. So denkt er bei der Schilderung der Sintflut sofort an astronomische Begebenheiten:

„Bei diesem Befehl ging ein Ruck durch das Weltengefüge, mit Sonne und Mond verharrten auch die Milchstrasse und weiter noch der Andromedanebel einen Tag und eine Nacht in Unbeweglichkeit.“

Als Jugendlicher machte er sich aus seinem Wissen einen Spaß. Eines Nachts, während er für seine Abiturprüfung lernte, rief er immer wieder im Metrologischen Institut in Zürich an, um in den unterschiedlichsten Schweizer Dialekten das seltsame Aussehen des Mondes zu schildern, der eigentlich durch dichten Nebel verborgen und für niemand zu sehen war. Der dadurch entstandene Wirbel in dem Forschungsinstiut erheiterte ihn sehr.(…)

Das Weltall in Wort und Bild

Daß er ausgeprägte astronomische Phantasien hatte, bewies Dürrenmatt in zahlreichen Texten, wie in dem Hörspiel „Unternehmen Wega“ und dem Stück „Porträt eines Planeten“. Auch auf zahlreichen Zeichnungen hat Dürrenmatt seine Vorliebe für Astronomisches verwirklicht, ob nun in den Galaxien und Sternstaubwolken, die den Hintergrund der „Turmbau-Zeichnungen“ bilden, in „Unheilsvoller Meteor“ (1980) oder in den Weltkugeln, die Atlas tragen muß.
Besonders eindrucksvoll gelingt Dürrenmatt die Darstellung des Weltalls in „Die Physiker“.
(…) Er wählt dafür einen „Psalm“, den er selbst erfunden hat, um diesen zu rezitieren dreht er einen Tisch um und setzt sich hinein:

„Wir hauten ins Weltall ab. Zu den Wüsten des Monds.
Lautlos verreckten manche schon da. […]
Sogar auf dem Mars fraß uns die Sonne,
Donnernd, radioaktiv und gelb.
Jupiter stank[…]
Hing er so mächtig über uns,
Daß wir Ganymed vollkotzten. […]
Saturn bedachte uns mit Flüchen. […]
Hatten wir doch längst die Sonne mit Sirius verwechselt, […]
Längst schon Mumien in unseren Schiffen
Verkrustet von Unrat
In den Fratzen kein Erinnern mehr
An die atmende Erde.“

Diese Passage hatte Dürrenmatt, beeinflußt durch seine Vorliebe für die Astronomie in das Stück eingefügt. Er hätte den Wissenschaftler Möbius alles mögliche tun lassen können, um diesen als verrückt erscheinen zu lassen, aber er wählt ein astronomisches Motiv aus. Er läßt den Physiker den gerade zitierten Weltraum – Psalm aufsagen.
Dieser begeisterte Dürrenmatt selbst derart, daß er 1973, als er erneut „Die Physiker“ inszenierte, zum Pinsel griff und den Ritt durch das Weltall zusätzlich malte. Die Zeichnung heißt ebenfalls „Weltraum-Psalm“ und zeigt ein buntes Gewimmel von Sternen, Planeten und Menschen – alles durcheinandergewirbelt, ohne eine erkennbare Ordnung.
Der Eindruck, der durch den Psalm Möbius’ entsteht, der vom chaotischen Weltall und von der ziellosen Raumfahrt, drückt sich in diesem Bild noch einmal gesondert aus.
Die in „Die Physiker“ entstandene Idee, jeden Planeten und dessen Eigenschaften kurz zu nennen, nimmt Dürrenmatt dann Jahre später in der Komödie „Die Panne“ wieder auf. (…)

„Du weibertoller Jupiter.
Du läßt uns in das Chaos sinken,
Zum Weltregieren zu bequem, […]
Du roter Mars, dein böses Auge
Späht hinter jener Wolkenwand. […]
Saturn, was zeugst du unablässig,
Was unablässig du verspeist […]
Puffmutter Venus, dich schon neigend,
Dem Horizont zu, glänzend, schnell [..]“

Die Beschäftigung mit dem Treiben im Weltall durchzieht also das ganze Werk Dürrenmatts. Bedeutung und Hintergrund der Planeten, mit denen sich Dürrenmatt schreibend und zeichnend auseinandersetzte, erfahren eine äußerst phantasievolle Umsetzung. Wie früh und wie tief ihn das Mysterium des Kosmos aufwühlte, geht aus der schon zitierten Erinnerung an die Bibelstunde seiner Mutter hervor, wo sich der junge Dürrenmatt nicht mit „Sonne und Mond“ zufrieden gab, sondern auch noch die Milchstraße und den Andromedanebel in die Katastrophe der Sintflut miteinbezieht.
Die Zeichnung „Weltraum-Psalm“ macht hierbei die im Text angerufenen Wüsten des Mondes, die Bleidämpfe des Merkurs und den pfeilschnell rotierenden Methanbrei für jeden augenfällig und lebendig.

„Der Minotaurus“ im „Labyrinth“

Minotaurus (1984)

Übersicht

Literarische Erscheinungsformen:
„Die Falle“, Erzählung, 1946
„Die Stadt“, Erzählung, 1947
„Minotaurus“, Ballade, 1985

Zeichnerische Erscheinungsformen
„Labyrinth I: Der entwürdigte Minotaurus“, 1958
„Labyrinth II: Der verängstige Minotaurus“, 1974
„Labyrinth III: Minotaurus“, 1975

„Poseidons Stier & Pasiphae I“, 1975
„Poseidons Stier & Pasiphae II“, 1975
„Die Geburt des Minotaurus,“ 1975
„Tod der Pasiphae“, 1975
„Minotaurus“, 1975
„Minotaurus und Frau I“, 1975
„Minotaurus und Frau II“, 1975
„Minotaurus und Frau III“, 1975
„Tod des Minotaurus“, 1975
„Die Geier“, 1975

Illustrationen zur Ballade „Minotaurus“: Sechs Zeichnungen, 1985

Einleitung

Dürrenmatt nennt den Minotaurus und das damit verbundene Labyrinth eines seiner „Urmotive“ ; immer wieder hat er es schriftstellerisch und zeichnerisch verarbeitet. Es handelt sich dabei wohl auch um einen seiner bekanntesten Stoffe, wenn es um die Umsetzung in „Wort und Bild“ geht: War doch die Ballade „Minotaurus“, die 1985 herausgegeben wurde, mit seinen eigenen Zeichnungen illustriert. Dieses Stück ist der einzige Text, den Dürrenmatt von vornherein so geplant hat. Keines seiner anderen Werke enthält seine eigenen Bilder in dieser Form. In verschiedenen Werkausgaben finden sich nur nachträglich hinzugefügte Illustrationen, kein Stück ist so geplant gewesen wie die Minotaurus-Ballade. So zeigt die Ausgabe seiner Gesammelte Werke aus dem Jahr 1980, herausgegeben im Diogenes-Verlag, beispielsweise Ausschnitte von Dürrenmatts Zeichnungen auf den Titelblättern.
Doch schon lange vor der Ballade „Minotaurus“ hat sich Dürrenmatt mit dieser antiken Sagengestalt beschäftigt, was sowohl die vorhandenen Zeichnungen als auch seine eigenen biographischen Aussagen belegen. Hier erklärt er nicht nur, woher das Motiv rührt, sondern ebenfalls, in welchen literarischen Werken das Motiv des „Minotaurus im Labyrinth“ zu finden ist.

Entstehungsgeschichte

Minotaurus (1984)

„Ich kam mit der Stadt nie zurecht, wir stießen einander ab, ich tappte in ihr herum wie Minotaurus in den ersten Jahren im Labyrinth.“

Dürrenmatt selbst nennt seine Erfahrungen mit der Stadt „labyrinthisch“ , verweist gleichzeitig aber darauf, daß diese Erfahrungen durch seine Kindheit in Konolfingen beeinflußt wurden:

„[…] während sich in Wirklichkeit die Schwierigkeiten, die ich später in der Stadt hatte, doch schon dort vorbereitet hatten, und nicht nur die Schwierigkeiten, auch die Motive, die Stoffe einer noch späteren Zeit.“

In der Beschreibung seiner Kindheit nennt Dürrenmatt recht früh daß Gefühl, die Welt des Dorfes nicht fassen zu können; es erschien ihm alles zu komplex, zu abstrakt. Zu diesem Zeitpunkt erzählte ihm sein Vater die Geschichte des Minotaurus im Labyrinth. Dürrenmatt nennt diese und auch die anderen antiken Sagen, die ihm damals bekannt wurden „faßbare Vergangenheit.“
(…)
Je mehr sich Dürrenmatt mit der Geschichte des Minotaurus beschäftigte, umso stärker wurde dessen Schicksal für ihn eine Art Gleichnis. In der Mehrdeutigkeit der Geschichte begründete Dürrenmatt dann, wie bereits erwähnt, während des Kriegswinters 1942, sein Urmotiv. Aus diesem entsteht die Aufgabe der „Welt Welten entgegen zu setzten.“
Daß der Stoff des „Minotaurus im Labyrinth“ nun aber ein „Ur-Motiv“ Dürrenmatts wurde, hängt mit der Tatsache zusammen, daß er auf der einen Seite mit seinem Labyrinth versuche, sich von seinem als verwirrend empfundenen Leben zu distanzieren, sich auf der anderen Seite aber selbst stark in die Geschichte eingebunden fühlte, denn er identifizierte sich mit allen ihren Bestandteilen:

„indem ich […] mich mit Minotaurus identifizierte, vollzog ich den Urprotest, protestierte ich gegen meine Geburt, […] auch identifizierte ich mich mit jenen, die in das Labyrinth verbannt wurden […] Schließlich identifizierte ich mich mit Dädalus, der das Labyrinth erschuf, denn jeder Versuch, die Welt, in der man lebt, in den Griff zu bekommen, sie zu gestalten, stellt den Versuch dar, eine Gegenwelt zu erschaffen, in der sich die Welt, die man gestalten will, verfängt“

Das so bei Dürrenmatt gewachsene Bild des Labyrinths, mit der in ihm wohnenden Gestalt des Minotaurus, enthält also die verschiedensten Komponenten: Zum einen den Ausdruck des „Urdramas, der Auseinandersetzung des Ichs in mit seiner Umwelt“ , außerdem Dürrenmatts eigene Versuche, für die von ihm als labyrinthisch empfunden Welt eine Gegenwelt zu erfinden. Auch die für Dürrenmatt so bedrängende Erfahrung der Stadt, die er nach dem Umzug der Familie nach Bern machte, sind in dem mehrdeutigen Begriff von „Dürrenmatts-Labyrinth“ enthalten: Das Labyrinth

„[…] ist ein Stoff ohne Handlung, eigentlich ein endloser Alptraum, den ich zwei Jahre später in den Erzählungen „Die Stadt“ und „Die Falle“ weiterträumte, ohne mich von ihm befreien zu können.“

Das Labyrinth in Wort und Bild

Das „Labyrinth“ ist eins von Dürrenmatts Motiven, wo sich Bilder und Stücke immer wieder gegenseitig beeinflußt haben. Betrachtet man die Entstehungsdaten der Bilder und Erzählungen, fällt auf, daß Dürrenmatt sich immer wieder mit dem Minotaurus und dessen „Behausung“ beschäftigt hat.
Zu Beginn stehen hier die literarischen Werke, mit den Erzählungen „Die Falle“ und „Die Stadt.“ Diesen Erzählungen ist eine bedrückende Schilderung gemein, Dürrenmatt skizziert Menschen, die in unergründlichen, oft unterirdischen Gängen verstrickt sind, für die es keinen Ausweg gibt. (…)

Dürrenmatt nannte die Erzählung „Die Stadt“ sein „Höhlengleichnis“ , in ihr verdeutlicht er nicht nur seine labyrinthischen Eindrücke der Welt, die in dem komplexen Korridor und den vielen Nischen versinnbildlicht wird, sondern auch seine eigenen Probleme bei dem Versuch, daß Labyrinth zu verlassen. Denn er selbst denkt viel darüber nach, bleibt aber diesen Gedanken verhaftet und es gelingt ihm nicht, „aufzustehen“ und durch die „Glastüre nach draußen zu gehen.“
Erst Jahre später nimmt Dürrenmatt den Stoff „Labyrinth und Minotaurus “ wieder auf: 1958 malt er „Der entwürdigte Minotaurus.“ Das Bild zeigt einen Menschen, der außerhalb des Labyrinthes steht und Minotaurus, der genau wie die Protagonisten der beiden Erzählungen gefangen ist. Der Mensch, der außerhalb des Labyrinthes auf einer hohen Mauer steht, „pinkelt“ auf den Minotaurus herab. Warum wird der Minotaurus von Dürrenmatt in dieser Zeichnung derart verhöhnt“
(…)
Dürrenmatts hat 1975 viel über den Minotaurus nachgedacht und festgestellt, daß dieser gar nicht nur unglücklich gewesen sein kann, weil er ja durch Minos eine eigene Welt gebaut bekam:

„[…] daß er dem Minotaurus ein einmaliges Universum schuf, in der sich Minotaurus wie ein Gott wunschlos glücklich hätte fühlen können.“

Dürrenmatt sah in der Tatsache, daß der Gott Minos über Dädalus dem Ungetier eine Welt bauen ließ, daß auch diesem Liebe entgegengebracht wurde. Diese Feststellung bewegte Dürrenmatt zu einer, wenn auch kleinen, Änderung seiner Sichtweise der Figur: Der Minotaurus blieb für ihn zwar ein unglückliches Wesen, aber er sah dessen Dasein nicht mehr nur als schicksalhaft an. (…)

Dürrenmatt gelang in der Ballade ein umfassender Ausdruck dessen, was dieses Motiv für ihn beinhaltete. Er beschrieb in nüchterner Sprache die Geschichte des Minotaurus, wobei er besonderes Gewicht auf die Gefühle legt, die das Untier während seines Aufenthalts im Labyrinth entwickelt. Das dargestellte Labyrinth besteht aus unzähligen Glaswänden und umgibt den Minotaurus mit Spiegelbildern seiner selbst:

„Es befand sich in einer Welt voller kauernder Wesen, ohne zu wissen, daß es selber das Wesen war.“

Es gelingt Dürrenmatt im Folgenden, Mitleid für den Minotaurus zu erwecken.
Dieser, erfreut über die Gesellschaft eines anderen Wesens (Theseus, verkleidet als Minotaurus) in seinem Labyrinth, beginnt zu tanzen:

„Er tanzte seine Freude, nicht mehr allein zu sein, er tanzte seine Hoffnung, die anderen Minotauren zu treffen.“

Doch wurde der Minotaurus nur durch Theseus getäuscht, die Freude war unbegründet, denn noch in seinem Tanz wird das Untier von Theseus getötet. (…)

Beendet werden seine Bearbeitungen des Stoffes dann in einer Zusammenführung von „Wort und Bild“: In der Ballade „Minotaurus“ vergegenwärtigt sich der damals abschließende Erkenntnisstand Dürrenmatts, sie bildet das Ende seiner Überlegungen. Bezeichnend ist es, daß Dürrenmatt hier eine Arbeit herausgegeben hat, die ausnahmsweise einmal von Zeichnungen begleitet wurde: Waren seine „gedanklichen Experimente“ auf dem Gebiet des „Labyrinth-Motivs“ immer sehr komplex, so sah Dürrenmatt eine abschließende Formgebung dieses bedeutenden Motivs in seiner Arbeit nur durch diese „doppelte“ Darstellungsweise gewährleistet.

Das Pilatus-Motiv

Pilatus (1946)

Übersicht

Literarische Erscheinungsform:
Pilatus, Erzählung, 1946
Das Bild des Sisyphos, Erzählung, 1946
Zeichnerische Erscheinungsform:
Pilatus, 1946
Sisyphos, 1946

Einleitung

Die Erzählung „Pilatus“ und die gleichnamige Gouache entstanden beide im Jahr 1946; gleiches gilt für die Erzählung „Das Bild des Sisyphos“ und die zugehörige Kohlezeichnung.
Trotz ihrer gleichzeitigen Entstehung verband Dürrenmatt mit den beiden Figuren gänzlich unterschiedliche Aussageabsichten: Während ihn bei „Pilatus“ die „Idee nicht mehr losließ“ , dieser habe von Anfang an gewußt, daß ein Gott vor ihm stehe, ging es Dürrenmatt beim „Sisyphos“ um eine andere Fragestellung:

„[…] daß mich vor allem die Frage beschäftigte, was Sisyphos zwinge, den Fels immer wieder hochzustemmen.“

Wichtig an der Gestalt des Sisyphos ist es, daß die Beschäftigung mit dieser Figur in der späteren Umsetzung des Atlas-Motivs mündete. Denn für Dürrenmatt war Atlas ebenfalls eine Gestalt, die verzweifelt etwas Unmögliches versucht.

Pilatus in Wort und Bild

Die Beschäftigung mit der Figur des Pilatus ist in Dürrenmatts Jugend begründet. Nicht nur in den Erzählungen seiner Mutter tauchte der römische Statthalter auf, auch durch seinen Großvater, Ulrich Dürrenmatt, wurde er ihm näher gebracht. Der Großvater hatte zu dem Thema ein paar kurze Verse verfaßt:

„Sie [die Wahrheit] wandelte im Staubgewand,
verkörpert und persönlich;
Pilatus hat sie nicht erkannt-
so geht es ihr gewöhnlich.“

Dürrenmatt kannte diese Verse, er zitierte sie in einem Gespräch mit seinem Freund Varlin. Der kurze Reim war Auslöser für eine gedanklichen Auseinandersetzung mit der Figur des Pilatus. Nur kam Dürrenmatt zu einem anderen Schluß; er folgte nicht der Aussage seines Großvaters. Wie bereits erwähnt, hatte Dürrenmatt die Idee, daß Pilatus genau gewußt habe, daß ein Gott vor ihm stehe, und das vom ersten Augenblick an. Diese Idee war eines von den genannten „Bildern“, die sich Dürrenmatt aufdrängten, und so machte er sich daran, den „Stoff Pilatus“ auszuformen:
Die Erzählung aus dem Jahr 1946 beginnt direkt mit Dürrenmatts Idee, von der seine weiteren Überlegungen ausgehen:

„Wie die schweren Eisentüren geöffnet wurden, die seinem Throne am anderen Ende des Saals gegenüberlagen […] erkannte er [Pilatus], daß der Mensch, der ihm vom Pöbel wie ein Schild entgegengeschoben wurde, niemand anders war als ein Gott.“

So geht es Dürrenmatt dann in der nachfolgenden Geschichte nicht um Wiedergabe der biblischen Geschichte – diese setzt er als bekannt voraus – vielmehr beschäftigt er sich damit, was Pilatus aus seinem Wissen machte, wie er damit umging.
(…)

Pilatus scheitert in der Geschichte an der Wahrheit, daß nur er den Gott erkannte. Die Erzählung schließt mit der Beschreibung des Gesichts von Pilatus:

„Unermeßlich war es wie eine Landschaft des Todes […], fahl im frühen Licht des Morgens, und wie sich die beiden Augen öffneten, waren sie kalt.“

Die Gouache „Pilatus“ unterscheidet sich von vielen anderen Bildern Dürrenmatts, auf denen viele Gestalten zu sehen sind. Die vorliegende Darstellung des Pilatus ist ein ruhiges Bild. Es ist nichts weiter zu sehen, als der römische Stadthalter Pilatus, am linken Bildrand ist die Figur des Gottes angedeutet.
Dennoch werden in dem Bild verschiedene Dinge ersichtlich:
Ein zentrales Motiv der Pilatus-Erzählung ist dessen Blick: Stehen am Ende die „kalten Augen“, beginnt die Geschichte mit dem Blick, der das Leben von Pilatus so nachhaltig verändert: Die Türen des Saal öffnen sich, Pilatus erblickt und erkennt den Gott; er wagt es nicht „[…] ihn ein zweites Mal mit dem Blick zu streifen, weil er sich fürchtete.“ Anstatt also den Gott erneut anzusehen, senkte er vielmehr die Augen auf eine Rolle, die einen Erlaß des Kaisers enthielt.
Betrachtet man nun die Gouache, fällt auf, daß die gemalte Pilatus-Figur ebenfalls eine Rolle in der Hand hält, was bedeuten würde, daß hier Pilatus zu Beginn der Geschichte dargestellt wird. Die Augen hat Dürrenmatt jedoch als eine leere weiße Fläche gezeichnet: Kalt, wie am Ende der Erzählung.
Dieser Umstand, daß das Bild gleichsam Anfang und Ende der Geschichte in sich zu tragen scheint, zeigt, daß Dürrenmatt an Bild und Erzählung wahrscheinlich gleichzeitig gearbeitet hat. Es ist nicht möglich festzustellen, ob Dürrenmatt während er Pilatus zeichnete, diesem „kalten Augen“ verlieh, oder ob er diese Idee während des Schreibens entwickelte und auf das Bild übertrug, weil es dazu keine Belege gibt.
Dadurch ist die „Pilatus-Berabeitung“ Dürrenmatts aber ein gutes Beispiel für die starke Verbindung von schriftstellerischer und bildnerischer Darstellung in seinem gesamten Werk. Sind bei Pilatus „Wort“ und „Bild“ doch so stark miteinander verwoben, daß sich die Entstehung eines zentralen Motivs, daß der „kalten Augen“, nicht eindeutig einer Ausdrucksform zuordnen läßt.

Zusammenfassung

Der Weltmetzger (1965)

Durch die Analyse der einzelnen Motive, die Dürrenmatt in „Wort“ und „Bild“ ausgearbeitet hat, wird deutlich, welche unterschiedlichen Funktionen die Zeichnungen in seinem schriftstellerischen Werk hatten:

Zum einen dienten sie Dürrenmatt als eine Art „Vorstufe“ zu seinen literarischen Werken. Ausgehend von der Feststellung, daß am Anfang von Dürrenmatts Schaffen immer etwas Bildhaftes stand, das sich dann in einer Stoff-Idee manifestierte, begann Dürrenmatt die Ausformung seiner Idee mit Zeichnungen. Besonders ersichtlich wird diese Vorgehensweise bei dem Motiv des „Atlas“. (…)

Eine andere Funktion hat die Zeichnung „Pilatus“. Da hier von einer parallelen Herstellung des Bildes und der Erzählung ausgegangen werden kann, dient das Bild hier nicht als Vorstufe, sondern als weitere Möglichkeit, seine Stoff-Idee auszuformen. Dürrenmatt selbst erklärt hierzu: „So ist denn mein dramaturgisches Denken beim Schreiben, Zeichnen und Malen ein Versuch, immer endgültigere Gestalten zu finden, bildnerische Endformen.“ So ging es ihm bei „Pilatus“ darum, für die Gestalt des römischen Stadthalters, so wie er sie gesehen hat, eine abschließende Darstellung zu schaffen.

Die Funktion der Bilder Dürrenmatts wird komplizierter, betrachtet man die Stoffe „Minotaurus im Labyrinth“, „Der Turmbau zu Babel“ und „Kreuzigung und Auferstehung“. (…)

Wie in der Einleitung zu diesem Teil schon erläutert, hatte Dürrenmatt mit seinen Stoffen zu kämpfen; es hat ihn belastet, wenn er sie nicht ausformen konnte. Der „Minotaurus im Labyrinth“ war ein wichtiger Stoff Dürrenmatts, mit dem er sich ständig beschäftigte. Nicht immer hatte er aber die Zeit, seine Einfälle auf diesem Gebiet literarisch auszuarbeiten und sich somit von ihnen zu „befreien“. So waren die Zeichnungen hier eine Möglichkeit für ihn, in Zeiten, in denen er nicht darüber schreiben konnte, seinen Einfällen wenigstens durch malerische Arbeiten einen Form zu geben.

(…)

Der wechselseitigen Beeinflußung der bildnerischen und zeichnerischen Bereiche liegt generell die allem voranstehende Stoff-Idee zugrunde. Denn diese durchzieht alle Zeichnungen und Stücke Dürrenmatts gleichermaßen. Jede Ausformung erscheint als weiterer Versuch, dem Bildhaften eine gültige Endform zu verleihen. Durch die abwechselnde Aufnahme der Stoffe durch „Wort“ und „Bild“ trug Dürrenmatt seine bildhaften Phantasien durch sein ganzes Leben.

(…)

Die Zeichnungen dienten Dürrenmatt ebenfalls zur Bewältigung mißglückter Projekte. So haben die Bilder zu „Frank der Fünfte“ die Funktion einer „Ersatzhandlung.“ Nachdem die bühnenmäßige Aufführung des Stückes nie geglückt war, versuchte Dürrenmatt mit den Zeichnungen, die er selbst als „Nachhall“ bezeichnete, seine Enttäuschung über das Scheitern der Oper zu bewältigen.

Die letzte Funktion der Zeichnungen, die sich nicht direkt aus der Analyse der Motive ergibt, ist, daß es Dürrenmatt oft auch einfach Spaß gemacht hat, zu malen. Denn das Zeichnen stellte für ihn auch eine Abwechslung zu seiner schriftstellerischen Arbeit dar, die immer sehr anstrengend für ihn gewesen ist. Die Tätigkeit des Malens fiel ihm leichter:“Ich zeichne eine Nacht hindurch, zwei, ohne zu ermüden. Nie könnte ich das beim Schreiben.“
Neben dem dramaturgischen Zeichner Dürrenmatt gab es also auch noch den „Privatmann“ Dürrenmatt, der einfach für sich zeichnete. In dieser Rolle schuf Dürrenmatt meist Porträts von seinen Freunden und kleine Karrikaturen.
Es existieren allerdings nur wenige Zeichnungen, die reine Illustration zu seinen Stücken sind, denn Dürrenmatt zeichnete in Verbindung zu seinen literarischen Stoffen immer unter der jeweiligen Fragestellung des Stückes: „So stellt denn mein Malen und Zeichnen eine Ergänzung meiner Schriftstellerei dar – so gibt es denn auch nur wenig rein ,Illustratives’ von mir.“

Die Zeichnungen waren für Dürrenmatt Vorstufe, Interpretationshilfe und Ergänzung zu seiner Schriftstellerei. Die Bilder beeinflußten außerdem literarische Stücke und wurden wiederum von diesen beeinflußt. Man kann den Zeichnungen eine nicht unbedeutende Funktion in Dürrenmatts Schaffen zuweisen. Er selbst hat es sehr treffend formuliert:

„Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen.“